Berlin Alexanderplatz: Polizeiwache und Jugendaktionsraum für mehr Sicherheit?

Auf dem Alexanderplatz in Berlin nimmt die Kriminalität zu. Nun ergriffene Maßnahmen sind ein Container für Jugendliche und eine Polizeiwache mitten auf dem Platz. Aber ist das wirklich hilfreich?

Gestern, am 03.11.2017, eröffnete am Alexanderplatz eine neue Jugendeinrichtung, der „Jugendaktionsraum am Alexanderplatz (Jara)“. Gleichzeitig wird direkt auf dem Alexanderplatz eine Polizeiwache gebaut, diese soll im Dezember 2017 fertig werden. Im „Jara“ sollen die Jugendlichen einen Raum für Treffen und zum Lernen, Möglichkeiten für Freizeitaktivitäten und Ansprechpartner in Person von Sozialarbeitern finden.

Hintergrund dieser Maßnahmen ist die gestiegene Kriminalität u.a. am Alexanderplatz. Der Alexanderplatz gehört wie auch die Warschauer Brücker oder das Kottbusser Tor zu den kriminalitätsbelasteten Ort (kbO) in Berlin. (Info zu kriminalitätsbelasteten Orten und Auswertung der Statistik „kriminalitätsbelastete Orte vom rbb).  Als Berliner kann ich das gestiegene subjektive Unsicherheitsgefühl am Alexanderplatz durchaus nachvollziehen, irgendwie ist die Stimmung in den letzten Jahren dort in eine Schieflage geraten, wobei ich persönlich den Alexanderplatz noch nie wirklich als Ort erlebt habe, wo ich mich länger aufhalten möchte. Auch vor 10 Jahren trafen sich da schon seltsame Gestalten und am Wochenende auch Massen von Jugendlichen, aber es ist noch mehr und auch etwas aggressiver geworden.

Von daher: gut, dass etwas getan wird. Was mich dabei ärgert: ich habe das Gefühl, dass dies nur Flickwerk und Aktionismus ist.

Polizeiwache und Jugendeinrichtung im direkten Vergleich

  • Die Jugendeinrichtung ist ein schnöder, 30qm großer Container im Gestrüpp am Neptunbrunnen. Der ist alles andere als einladend, keine Ahnung, warum sich da einer der Jugendlichen hin verirren sollte und wie man sich da treffen/ abhängen und sogar lernen soll.
  • Achso, weil es da ja Bälle und Frisbees gibt (ab Minute 2:30 im rbb-Bericht)… JUHU
  • Die neue 70qm große Polizeiwache wird dagegen prominent direkt auf dem Alexanderplatz zwischen Kaufhof, Berolina- und Alexander-Haus (Sparkasse), in der Nähe der Weltzeituhr, gebaut.
  • Bis Ende 2018 werden für Jara im Rahmen des Maßnahmenpakets „Frühzeitige Integration von jungen Geflüchteten“ des Berliner Senats ganze 140.000,- € ausgegeben.
  • Alleine der Bau der neuen Polizeiwache kostet 990.000,- € (Pressemitteilung der Senatsverwaltung für Inneres)
  • Das Jara wird ja sicher einem Jugendlichen ohne Fluchterfahrung die Ausgabe eines Frisbees nicht verweigern, wenn er sich in diesen Container verirrt??? Eine Finanzierung aus einem allgemeineren Topf für Sozialarbeit statt aus einem Topf für geflüchtete Jugendliche wäre da angemessen gewesen: Im Sinne einer ehrlichen Politik, die nicht vorgibt, ach so viel für Geflüchtete zu tun, wenn mit der Maßnahme allgemeine Sozialarbeit finanziert wird
  • Der Jara-Container hat an vier Tagen in der Woche (Mittwoch bis Sonntag) von 16:00 Uhr bis 21:00 Uhr offen, die geplante Polizeiwache wird rund um die Uhr von 3 Polizeibeamten besetzt sein, sieben Tage die Woche. Zu den 990.000,- € zum Bau werden noch hohe Summen für den laufenden Betrieb und die Gehälter dazu kommen.

Kritik

Ich finde es gut, dass grundsätzlich Angebote an Jugendliche erdacht werden, die offensichtlich keinen besseren Ort als den Alexanderplatz zum Treffen haben – aber echt jetzt, so ein hässlicher Container soll es jetzt sein? Die Jugendlichen bisher mit Sozialarbeitern zu erreichen hat nicht funktioniert, dieser Container und ein paar Frisbees werden es auch nicht verhindern, dass die Jugendlichen von Kriminellen angesprochen und auf die schiefe Bahn gebracht werden. Vielleicht sollten sich die verantwortlichen Politiker mal fragen, ob sie als Jugendliche zwischen 15 und 20 von so einem Angebot Gebrauch gemacht hätten – ich hätte es jedenfalls nicht gemacht und ich war nie einer derjenigen, die sich mit schrägen Aktionen als“cool“ profilieren wollte.

Für die Polizeiwache dagegen werden Millionen ausgegeben. Mitten auf den Alexanderplatz wird eine Polizeiwache hingepflanzt – das hat hier auf dem Alexanderplatz echt noch gefehlt! Insbesondere bei den diversen Weihnachts-, Oster- und sonstigen „Wir ziehen den Touris das Geld aus den Taschen“-Märkten ist es eh schon eng und eine Polizeiwache mitten auf dem Platz hebt die Stimmung ganz sicher auch nicht. Auch als Arbeitsplatz für die Beamten wird diese Polizeiwache doch eine Strafe, man kann nur hoffen, dass die Schichten zwischen vielen Beamten rotieren – wenn ich mir vorstelle, als Beamter 8 oder mehr Stunden am Samstag Abend mitten auf dem Alexanderplatz in so einer Baracke sitzen zu müssen, wird mir ganz anders.

Meine Gegenvorschläge:

  • In der Stadt fehlt es generell an Jugendclubs und zielgruppenorientierter Sozialarbeit. Ein Container im Gestrüpp am Neptunbrunnen ist nicht mal im Ansatz eine Lösung: mehr und bessere Sozialarbeit für die ganze Stadt muss her, das hilft nicht nur dem Alex, sondern allen kriminalitätsbelasteten Orten und ganz Berlin
  • Geld, das für geflüchtete Jugendliche deklariert wird, soll bitte auch für gezielte Maßnahmen an diese Zielgruppe ausgegeben werden.
  • Polizeipräsens am Alex: ja, bin ich dafür. Aber nicht martialisch (gepanzerte Transporter und hochgerüstete Beamte) und nicht in Form einer dauerhaft errichteten Polizeiwache.
  • Insbesondere am Abend und am Wochenende Patrouillen von 2 bis 4 Gruppen á 2 oder 3 Beamten, je nach Lage auf dem Platz auch mehr oder weniger.
  • Grundsätzlich sollte darüber hinaus stadtplanerisch endlich einmal überlegt werden, was mit dem Alexanderplatz passieren soll. Ganzjährig finden hier immer wieder irgendwelche Jahrmärkte unter wechselnden Labels statt (Weihnachtsmarkt, Ostermarkt, Oktoberfest und immer mal wieder was anderes – aber mit den gleichen oder ähnlichen Ramsch- und Rummelbuden), das alles mischt sich mit den Shoppern, Touristen und den Nutzern der BVG, die hier zwischen U-, S-Bahnen, Trams und Bus hin und her wechseln. Die bisherigen Pläne hatten da keinen großen Wurf und schienen sich mehr mit der Frage zu beschäftigen, wie man möglichst wenig vom Alexanderplatz ändert (Alexanderplatz bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen)

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