Der Spiegel und seine Corona-Ausgabe – ein Beispiel für das Versagen der Medien

Der Spiegel betont in der aktuellen Ausgabe vom 14.03.2020, dass es erst das dritte Mal einen Spiegel mit nur einem Thema gab, dieses Mal ist es natürlich Corona. Ich denke, der Spiegel hätte das mit der mono-thematischen Ausgaben über Corona sein lassen sollen.

Es wird in den letzten Tagen immer wieder betont, wie wichtig Besonnenheit und die Vermeidung von Hysterie sind, nur hat der Spiegel leider nichts Hilfreiches dazu beizutragen. Im Leitartikel wird zwar zunächst Pseudo-Selbstkritik geübt: „Auch wir waren und sind nicht immer ganz frei davon, die Welt mit aufgeregten Vokabeln zu beschreiben“, heißt es da auf Seite 6. Nur um dann auf den nächsten Seiten – und eigentlich in der gesamten Ausgabe – genau das zu tun: Mit aufgeregten Vokabeln die Hysterie zu befeuern.

Spiegel Leitartikel zu Corona – Einleitung zur Hysterie

Da wird noch im Leitartikel lamentiert: „Es wäre einzigartig in der Geschichte der Menschheit, die so nahe zusammengerückt ist wie nie zuvor und deswegen so verletzlich ist.“. Gemeint sind die wirtschaftlichen Folgen durch den Stillstand des weltweiten öffentlichen Lebens. Das könnte so auch aus dem AfD-Parteiprogramm stammen, der stumpfen Globalisierungskritik wird nach dem Mund geredet. Dass vielleicht gerade die so nahe zusammengerückte Menschheit verhindert, dass sich erst Millionen anstecken und sterben müssen, bis man auch im letzten Zipfel der Welt bemerkt, dass ein neuer Virus aufgetaucht ist??? Geschenkt, passt nicht in die Hysterie und wäre wohl zu realistisch und eine Erkenntnis der Vernunft, die wir doch angeblich so dringend brauchen. Nur bekommen wir sie nicht vom Spiegel vermittelt.

Spiegel Artikel zu Corona – „Der Stoff, aus dem wir Menschen sind“ von Ullrich Fichtner

Mit dem Artikel auf Seite 8 geht es weiter. Schon der Untertitel: „Wie konnten Regierungen und Staaten die aufziehende Gefahr verkennen?“ macht mich wütend. Was sollen die Regierungen tun? Bei jedem neuen Virus in einem fernen Land sofort alle Grenzen schließen und das öffentliche Leben lahmlegen? Gerade wegen der gravierenden wirtschaftlichen Folgen ist stetiges abwägen gefragt – und mit Verlaub, niemand verkannte die aufziehende Gefahr. Ich glaube nicht, dass der Autor Ullrich Fichtner (Wikipedia Artikel zu Ullrich Fichtner) vor vier Wochen bereits die Verantwortung dafür hätte tragen wollen, Millionen von Arbeitsplätzen weltweit in Gefahr zu bringen, weil proforma mal alles geschlossen wird. Er behauptet, die Regierungen hätten „die Gefahr erkennen müssen, die in den spröden Meldungen aus China von Beginn an lag“. Aha… da weiß es einer aber ganz genau. Hat Herr Fichtner vor vier Wochen öffentlich solche Maßnahmen gefordert? Hat Herr Fichtner bereits im Januar 2020 gewusst, dass es so weit kommen wird? Ich glaube eher nicht. Die Kritik an diesem Artikel wird übrigens geteilt: Der SPIEGEL und die Coronakrise: Hindsight-Fachmann Ullrich Fichtner

Spiegel Artikel zu Corona – „Ein Land als Sperrzone“ von Juan Moreno

Der nächste Artikel über Italien ist genauso wenig hilfreich. Auch hier ist schon die Einleitung wieder eine Einladung zur Hysterie: „Wie schaffen es die Menschen, nicht verrückt zu werden?“. Im Ernst? Diese Gefahr sieht Juan Moreno (Wikipedia-Artikel über Juan Moreno)? Dass die Italiener verrückt werden, weil jetzt erst einmal ein paar Wochen Quarantäne angesagt sind??? „[…] möchte man verstehen […] wie man sich fühlt, wenn einem die eigene Regierung das Spazierengehen verbietet.“ Und da haben wir diese nervige Kakophonie der Medien: Im ersten Artikel wird sich jämmerlich darüber beschwert, dass die Regierungen lange nichts unternommen haben, nur um im Artikel darauf eben diese Maßnahmen zähneknirschend als Bevormundung und Zumutung, die einen irre macht, zu beschreiben. „Langsam geht einem die Fantasie aus, was man noch verbieten könnte“, heißt es später… Das lasse ich mal so im Raum stehen.

In den weiteren Seiten und Artikeln wird dann behauptet, die Menschen wären nicht in der Lage zu Solidarität, was man an den leer gekauften Toilettenpapier-Regalen sehe (das weiß der Spiegel sicher vor allem von den Hysterie-Tweets, die immer nur leere, aber nicht die aufgefüllten Regale zeigen), es kommt dann auch noch ein Prepper zu Wort (die sind ja bekannt für ihre rationale Sicht auf die Dinge) und natürlich wird eine vermeintliche Ohnmacht von Brüssel beschworen – nebenbei wird also auch noch mal am europäischen Zusammenhalt gesäbelt. Ja, es gibt Alleingänge europäischer Staaten, aber es gibt eben auch viel Koordination, diese ist aber nicht so schön griffig und reißerisch darzustellen.

Lieber Spiegel, ich bin ein eifriger Leser, aber diese Ausgabe war leider nichts. Wer sich sachlich über die aktuellen Entwicklungen zu Corona informieren möchte, sollte sich den Podcast von Dr. Christian Drosten anhören, das ist tausend Mal hilfreicher als diese Spiegel-Ausgabe.